Es wird Winter, die Natur zieht sich zurück, Pflanzen suchen Schutz unter der Erde, Tiere verkriechen sich in Höhlen, Menschen in den Häusern; ein sichtbarer und nachvollziehbarer Rückzug.
Es gibt auch den seelischen, unsichtbaren Rückzug, Menschen verschweigen ihre wirklichen Gefühle und erzählen niemanden von ihren Bedürfnissen und den dunklen Gedanken. Erzählungen bleiben oberflächlich, banal und belanglos. Es gibt Menschen, die andere immer wieder belügen

Warum kommt es zu diesem innerlichen Rückzug, zu dieser Unehrlichkeit?

Wir kennen den Rückzug der Opfer, den Rückzug der Angepassten und den Rückzug der Täter. Täter führen oft ein nach außen hin angepasstes Leben, während sie innerlich vereinsamen und Straftaten, Racheakte oder Verbrechen planen. Diese Gedanken und Gefühle werden versteckt, es ist den Tätern klar, dass sie Folgen zu erwarten haben, wenn sie Ihre Überlegungen aussprechen oder umsetzen. Es gibt den Rückzug der Angepassten: die eigenen dunklen oder lustvollen Gefühle werden versteckt und in Gesprächen über andere ausgelebt, über Krimis, Filme, Opern, Romane, Abenteuern und im Internet verarbeitet, äußerlich ist nur die angepasste Fassade zu sehen. Und es gibt den Rückzug der Opfer, die aus Angst, Scham und aus Not schweigen um sich zu schützen.

In oberflächlichen sozialen Umfeldern werden weder die Gefühle der Täter, noch die der Angepassten wahrgenommen und den Opfern wird nicht geglaubt.
In gefühllosen Umgebungen verstecken sich Opfer, Angepasste und Täter, sie haben Angst, ausgegrenzt, verfolgt, abgewertet oder verlacht zu werden.

Leben Menschen in wertschätzender Umgebung, können Gefühle und Gedanken von Handlungen getrennt werden und es ist kein Problem, dunkle Gefühle auszusprechen. Manche Menschen sagen ganz offen: „Ich hab so eine Wut, ich könnte dich umbringen.“ In einer verständnisvollen Umgebung kommt niemand auf die Idee, jemanden wegen dieser Aussage anzuklagen oder zu glauben, dass der andere das Gesagte umsetzen könnte. Das Vertrauen in die Kontrollfunktion der Person ist gegeben. In einer vertrauensvollen Umgebung muss sich niemand extrem anpassen und Opfer können erzählen, dass sie sich gedemütigt fühlen und werden Verständnis finden.

Wir sprechen oft einzelnen Menschen die alleinige Schuld zu und vernachlässigen die Umgebungsbedingungen.
Wir sind als Menschen verantwortlich für unser Verhalten und wir sind verantwortlich dafür, welche Umwelten wir erschaffen, welche Umgebungsbedingungen wir kultivieren: Menschen können jeden Tag dazu beitragen, wertschätzende Beziehungen und Begegnungen zu gestalten. Menschen können lernen, die eigenen Gefühle und die der Mitmenschen zu achten, ohne feindselig zu reagieren.
Möge es uns immer mehr gelingen, freundliche, ehrliche und wertschätzende Lebensstile zu kultivieren!
Eine schöne neue Woche
Gertrud Müller