Die Wissenschaft und die Medizin haben klare Vorstellungen von Krankheit: wir können gesunde und kranke Zustände oder Ereignisse in Laborwerten, Röntgenbildern usw. feststellen. Wir wissen jedoch nicht, wann und warum die Krankheit beginnt. Und wir wissen nicht, warum der eine Mensch bei gleichen Bedingungen gesund bleibt und der andere erkrankt. Wir stellen im Nachhinein Hypothesen auf, warum wir krank geworden sind oder warum wir gegenüber unserer Gesundheit oder bei einem Unfall unaufmerksam waren.

Menschen haben immer wieder den Wunsch, das Leben zu kontrollieren. Macht uns vielleicht genau diese Kontrolle krank? Raucher glauben, ihre Nervosität oder ihren Glückszustand durch das Rauchen zu kontrollieren, andere glauben, zufriedener zu sein, wenn sie viel essen, Magersüchtige glauben, in ihrer Magerkeit liegt der Erfolg. Leistungsorientierte Menschen arbeiten zuviel und riskieren vor lauter Stress einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall, der Zwanghafte kontrolliert seine Mitmenschen und gerät dadurch immer mehr in Konflikte oder Einsamkeit, weil sich die Mitmenschen nicht wertgeschätzt fühlen und abwenden.
Der Ängstliche versucht seine Angst zu kontrollieren und fragt bei anderen Menschen nach, wie er leben soll, schließlich erkrankt er auf Grund falscher Ratschläge.

Ist es nicht gesünder, zu spüren, was einem gut tut, statt das Leben zu kontrollieren? Der Mensch, der seine Gefühle spürt und auf sie hört, kann seine Gefühle wertschätzen und isst bis er satt ist, er ruht sich aus, wenn er erschöpft ist; der gesunde Mensch bewegt sich, weil er Freude an Bewegung spürt, er lacht mit anderen und genießt die schönen Augenblicke. Der gesunde Mensch sucht Freunde und Arbeit, macht sich aber nicht davon abhängig. Leider wird schon vielen Kindern und auch Erwachsenen das Gefühl aberzogen was gut tut. Der Mensch muss in einer kontrollierten Welt funktionieren, Leistung erbringen, er muß sich selbst darstellen und vermarkten. Gerade weil diese Kontrolle sich nicht gut anfühlt, versuchen Menschen sich abzulenken, rauchen, trinken zu viel Alkohol und zu wenig Wasser, essen zuviel, bewegen sich zu wenig und liegen auf der Couch usw.

Vielleicht macht uns gerade die Kontrolle der Welt, die wir gewinnen wollen, krank: die Kontrolle der Systeme, die Kontrolle der Interaktionen, die Kontrolle der Termine, der Normen und Regeln. Wir verlieren mit all den Kontrollen das gute Gefühl, das Gefühl dafür, wie und wann wir uns wohlfühlen.

Vielleicht ist Gesundheit einfacher als wir denken: wenn wir lernen uns wieder wohlzufühlen, dann orientieren wir uns an all dem, was sich gut anfühlt und keinem anderen schadet. Wenn wir uns selbst öfter wohlfühlen und wenn wir auch anderen erlauben, dass sie sich wohlfühlen, dann brauchen wir vielleicht viel weniger Medizin und leiden viel weniger unter den Nebenwirkungen der Kontrolle und der Medikamente.
Ich wünsche uns, dass wir achtsam mit uns selbst, mit unseren Gefühlen umgehen und auch im Umgang mit unseren Mitmenschen achtsam sind.
Eine schöne neue Woche
Gertrud Müller